Arabians edle Pferde

Artikel in der Zeitschrift "artgerecht"



Das Pferd steht schon seit vielen hunderten von Jahren dem Menschen an der Seite, sei es als Nutz- oder Reitpferd. Manch eine Rasse ist schon mehr als 4000 Jahre alt. Zum einen sind dies die Przewalski und Tarpan Pferde, zum anderen aber auch der Achal-Tekkiner und das arabische Vollblut, welches aus den südlicheren Regionen unserer Erde stammt. Jede der Pferderassen hat ihre eigene Geschichte und ihren Stellenwert. Eine dieser Pferderassen ist mir seit meiner Jugend eng ans Herz gewachsen: das arabische Pferd, genauer gesagt das asil arabische Pferd. Wer diese Pferde kennt, kann meine Begeisterung sicherlich mit mir teilen, denn die Tiere werden von einem ganz besonderen Zauber begleitet …

Durch seine exotische Ausstrahlung und geheimnisvolle Anziehungskraft ranken sich seit Jahrhunderten viele Legenden um seine Erschaffung. Kommen diese „Trinker der Lüfte“, wie sie auch genannt werden, tatsächlich aus einer „Handvoll Südwind“?

„Als Gott das Pferd schaffen wollte, sagte er zum Südwinde: Ich will aus dir ein Geschöpf schaffen zur Ehre meiner Heiligen, zur Erniedrigung meiner Feinde, aus Huld für die, so mir gehorsam. Der Südwind sprach: Erschaffe es, o Herr! Da nahm Gott vom Südwinde eine Handvoll und schuf daraus das Pferd; Er sprach; Dein Name sei arabisch, das Gute sei gebunden an Deine Stirnhaare, die Beute an deinen Rücken; dir sei gegeben, den Unterhalt des Lebens zu erweitern; ich habe deinen Besitzer zu deinem Freunde gemacht; ich habe dich begünstigt vor anderen Lasttieren; ich habe dir die Kraft zum Fliegen verliehen ohne Flügel, sei es im Angriff, sei es im Rückzuge; ich will auf deinen Rücken Männer setzen, die mich preisen und loben, und mir Halleluja singen. Und als das Pferd mit seinen Füssen die Erde berührt hatte, sprach Gott: Erniedrige durch dein Wiehern die Götzendiener und fülle damit ihre Ohren, und fülle mit Schrecken ihre Herzen. Und als Gott Adam alle Dinge gezeigt, die er geschaffen hatte, sagte er: Wähle dir von meinen Geschöpfen, was Du willst und er erwählte das Pferd. Da sprach Gott der Herr: Du hast deine Ehre erwählet und die Ehre Deiner Kinder, eine für immer dauernde durch Aeonen und Aeonen.“
Quelle: Das klassische arabische Pferd, Judith Forbis, Paul Parey Verlag Hamburg, 1980 

Was ist eigentlich ein asiler Vollblutaraber?

„Ein Asil Vollblutaraber ist ein Pferd, dessen Abstammung ausschließlich auf die Beduinenzucht der arabischen Halbinsel zurückgeht, und bei dem zu keiner Zeit nichtarabische Pferde eingekreuzt worden sind. Asil (arabisch gesprochen: aßihl) heißt übertragen rein, echt, edel, unverfälscht.“ Quelle: Asil Araber – Arabiens edle Pferde, Band 3, Georg Olms Hildesheim, 1985

Das arabische Pferd hat die Menschheit immer wieder in seinen Bann gezogen. Keine andere Pferderasse der Welt hat die weiteren Zuchten so lange und nachhaltig beeinflusst wie diese. Es gibt wohl keine moderne Reitpferde- und Ponyzucht, die nicht vom Asil Araber beeinflusst oder verbessert worden ist. Auch die einzelnen und vielfältigen Araberzuchten, ob nun in Polen, Russland, Spanien, Deutschland, den USA oder anderswo, sind aus diesem asilen Araber hervorgegangen. Die ältesten Beweise für die Existenz arabischer Pferde werden in einem Pferdeskelett gesehen, welches auf der Halbinsel Sinai gefunden wurde. Das Skelett wird auf ca. 1700 v. Ch. datiert und weist die Merkmale auf, die typisch für das arabische Pferd sind. Es war etwas kleiner als unsere heutigen Araber, sonst aber ist es während all der Jahrhunderte hindurch nahezu unverändert geblieben. Es hatte schon damals diesen schön geformten Kopf mit konkavem Profil und die typische hohe Schweifhaltung.


Blaue Fayence-Kachel, 18.Dynastie, aus Judith Forbis, Das klassische arabische Pferd

Trotz vieler Nachforschungen bleibt der Ursprung des arabischen Pferdes ein großes zoologisches Rätsel. Es fehlen bisher die entscheidenden Funde, die uns die genaue Herkunft des Wüstenpferdes nachweisen könnten. Man kann es in ägyptischen Hieroglyphen des 16. Jhds. v. Chr. finden, ebenso sind in alttestamentarischen Schriften zahlreiche Hinweise auf ägyptische Pferde enthalten, aber wo sie herkamen und wie sie zum damaligen Menschen gefunden haben, bleibt uns vorerst noch verschlossen.

Auf welchem Erdteil das Pferd zuerst domestiziert wurde, ist ebenso schwer nachzuvollziehen. Wahrscheinlich fand es schon sehr früh in den verschiedensten Teilen der Erde gleichzeitig Verwendung. Die Völker des Morgenlandes jedenfalls beherrschten ihre arabischen Pferde bereits um 1500 v. Chr. auf meisterhafte Weise. Die Grundsätze der heutigen Reitkunst weichen nicht weit von denen ab, die schon vor über 2500 Jahren Gültigkeit hatten.

Was diese Pferde von den anderen Rassen unterscheidet und sie zu so wunderbaren Familienpferden und Freunden macht, ist, dass dem asilen Araber die Menschenzugewandtheit bereits mit in die Wiege gelegt worden ist.


Theodor Horschelt. Arabische Stute mit Fohlen.Stadtmuseum München aus Asil AraberIV, Olms Presse

Wie in der irischen Hütte schläft, isst und trinkt auch im Beduinenzelt die ganze Familie, ob zwei- oder vierfüßig, zusammen unter einem Dach. Durcheinander betten sich im Beduinenzelt Stuten und Fohlen, Frauen und Kinder zum Schlaf, und oft sieht man die Köpfe von Kind und Fohlen auf einem Kissen, dem Leib, der Brust oder dem Hals einer Stute, ruhen. Die Eltern befürchten aus diesem Zusammenleben auch keinerlei Gefahren, denn sie sind davon überzeugt, dass Stute und Fohlen sich nicht nur duldsam alle Spiele der Kinder gefallen lassen, sondern dass die Stuten auch klug und vernünftig genug sind, sie mit Vorsicht zu behandeln, um sie nicht zu verletzen. Und das klingt auch nicht im Mindesten unwahrscheinlich, jedenfalls nicht für mich, denn ich besaß selbst eine Stute von ähnlicher Gutmütigkeit und Intelligenz und war oft Zeuge, wie sehr sie sich bemühte unterlegenen Lebewesen keinen Schaden zuzufügen. … ich wusste, sie würde weder den Kopf verlieren noch unachtsam sein, von bösartig ganz zu schweigen. … Die
Araber behandeln ihre Pferde gewohnheitsmäßig mit größter Liebe; sie verspüren weder den Wunsch noch besteht die Notwendigkeit, sie zu schlagen, diese großmütigen und sanften Geschöpfe, die alles tun, was man ihnen anzeigt und was man von ihnen verlangt: daher wahrscheinlich die von ihnen wohl angeborene Gutmütigkeit und Großzügigkeit, charakteristische Wesenszüge des arabischen Pferdes.“
Quelle: Lawrence (aus Asil Araber – Arabiens edle Pferde, Band 3, Georg Olms Hildesheim, 1985)

Hieraus entwickelte sich das für arabische Pferde typische Wesen: Es ist von sanfter, freundlicher und liebevoller Natur, aber gleichzeitig temperamentvoll und sehr intelligent.

Leider haftet vielen Pferdeinteressierten die Meinung an, dass Vollblutaraber verrückt, nervös und spinnich im Kopf seien. Sie wären gut für Märchen und Legenden, schöne Bücher und Filme wie „der Schwarze Hengst“ und „Black Beauty“. Also genau in den Geschichten, wo es um eine besondere „Mensch-Pferd-Beziehung“ geht. Aber reiten? Nein, reiten könne man sie nicht.

Wie entstehen solche Meinungen? Vielleicht, weil der Asil Araber ursprünglich dazu erzogen worden ist, im Menschen einen Freund zu sehen (bei den Beduinen) und sie nie „nur“ zu funktionieren hatten! Dies hat seinen Charakter nachhaltig geprägt. Daher lassen sich diese Pferde möglicherweise nicht so einfach zur Mitarbeit bewegen, wie man es von anderen Pferderassen gewöhnt sein mag. Sie sind eben nicht als Arbeits- bzw. Sportpferde gezüchtet worden, sondern Mensch und Pferd waren so eng aufeinander angewiesen, dass sich daraus eine familiär-freundschaftliche Beziehung entwickelte.

 

Der Beduine der Halbinsel Arabiens unterschied sich sehr vom nordafrikanischen Beduinen. Letzterer ritt das Berberpferd und liebte das phantasievolle äußerliche Gepränge, während der arabische Beduine bescheiden, einfach und natürlich lebte und sich ebenso kleidete. Das spiegelte sich auch an ihren Pferden wider. Das Berberpferd wurde übermäßig geschmückt mit Scheuklappen, hohem, verziertem Sattel, großen „Hack“-Sporen und einer harten Kandare. Der arabische Beduine hingegen legte seiner Stute nur ein leichtes, weiches Wollhalfter ohne Gebiss an. Er verwendete nicht einmal Zügel, denn die Pferde gehorchten auf seine Stimme und seinen Schenkeldruck. Kaum einer der Beduinen besaß noch brauchte einen Sattel. Meistens ritten sie auf einem Fell oder auf dem bloßen Rücken ihres Pferdes.


Wir versuchen uns sehr an der natürlichen Reitweise nach Sabine Birmann zu orientieren, ganz nach der Beduinenart :-)

Ungezählte Segenssprüche kannte der arabische Beduine für seine Pferde, aber nie kam ein Fluch über seine Lippen. Der asile Vollblutaraber hat dank der Jahrtausende währenden sanften Behandlung und der nahezu grenzenlosen Einbeziehung in das Leben der arabischen Beduinen seinen Charakter gewonnen. Es ist der für mich denkbar beste Charakter eines Pferdes: ein dem Menschen zugewandter, offener und liebevoller Charakter.

 

Franz und Eugen Adam.Arabischer Hengst. Lithographie.Stadtmuseum München aus Asil Araber Band IV  Olms Presse

Diese charakterlichen Qualitäten sind verantwortlich für Rittigkeit und Leistungsbereitschaft. Diese wiederum sind die Voraussetzungen für eine große Leistungsfähigkeit, die unter den unsäglich harten Bedingungen des Wüstenlebens stets gefordert war. In der Fürsorge des Beduinen legten die Pferde gemeinsam mit den Menschen die größten Prüfungen an Ausdauer und im Ertragen von Hunger, Durst und Strapazen ab. Nur das an Gesundheit und Willenskraft Stärkste und Zäheste blieb am Leben.

 

Die Erziehung begann bereits im frühen Fohlenalter, da es als Mitglied der Familie nie Schläge erhielt, sondern nur Gutes erfuhr: Geduld, Freundlichkeit, Liebkosungen, Nahrung. So entwickelte sich keine Scheu, Bosheit oder Widerspenstigkeit. Alles geschah allmählich und gelassen, so dass ein junges Pferd nicht überfordert wurde. Man hatte Zeit und viel Geduld und steigerte die Anforderungen langsam." 

Quelle: Erika Schiele, „Arabiens Pferde. Allahs liebste Kinder" BLV Verlagsgesellschaft München, 1975

 Im Wüstenaraber, dem „Trinker der Lüfte“ sind Adel, Feuer, Sanftmut und Anhänglichkeit sowie Härte, Ausdauer und Schnelligkeit in einer wundersamen, natürlichen Harmonie vereint. Trotz seiner geringen Körpergröße (Stockmaß rund 150 cm) zeichnen ihn diese Qualitäten in hohem Maße aus.

Das Verlangen nach dem Besitz eines Asil Arabers, steigerte sich im Laufe der Jahrhunderte bisweilen derart, dass riesige Summen für sie bezahlt wurden, besonders edle Tiere waren sogar oft unverkäuflich. Es gab kaum ein  Königs- und  Fürstenhaus, das nicht begierig war, auf das Beduinenpferd. Und das nicht nur wegen ihrer hohen Leistungsfähigkeit, sondern auch wegen ihrer beinahe ätherischen Schönheit.

Doch überwog bei den Beduinen oft eine eher ritterliche oder freundschaftliche Sentimentalität und so wurden Pferde verschenkt, an denen sie sich stattdessen durch Gold hätten bereichern können. Aber auch vor ihnen machte der Lauf der Zeit nicht halt und so wechselten auch diese Pferde früher oder später ihren Besitzer. Ägyptische Paschas, Sultane und Könige sammelten diese Pferde so eifrig, dass das Vermögen eines Mannes bald an der Anzahl seiner arabischen Pferde gemessen wurde. In den arabischen Ländern werden bis heute arabische Pferde gezüchtet, es wird aber zunehmend nicht mehr in dem Maße auf die Reinheit des Arabers geachtet, die den Erhalt der alten Blutlinien sichern würde.

 Als lebendes Verbindungsglied zwischen dem alten Orient und dem modernen Westen haben die arabischen Pferde auch hier bei uns die Herzen der Menschen erobert. Doch wie in vielen anderen Bereichen unseres Lebens auch, ist der moderne Mensch eher bestrebt, das was er vorfindet zu optimieren statt Traditionen zu ehren und zu wahren. So werden zu Gunsten bestimmter „Verbesserungen“ der arabischen Rasse verstärkt Einkreuzungen bewusst vorgenommen, beispielsweise um das Stockmaß zu erhöhen. Aus der Sicht eines 180 cm großen Reiters, der gerne einen Araber reiten möchte, ist dieser Wunsch voll und ganz nachvollziehbar. Doch auf diese Weise droht der Asil Araber langsam auszusterben und sein unbezahlbares Blut geht, wie so manches andere der ursprünglichen Schöpfung auch, der Nachtwelt unwiderruflich verloren.

Heute findet sich der Vollblutaraber hauptsächlich in der Schauszene, im Distanzsport und bei wenigen Freizeitreitern wieder. Dabei ist er doch mit das beste Familien- und Freizeitpferd, welches man sich wünschen kann. Hier gilt es, ihn neu zu entdecken!

Eine vergleichsweise kleine Schar von Freunden, Bewahrern und Züchter dieser Pferde, ist zu begeisterten Hütern des edlen Blutes geworden. Ich für meinen Teil hoffe, dass diese wundervollen Pferde uns noch lange erhalten bleiben und das Interesse an ihnen wieder wächst.

Die Bewahrung der alten Blutlinien im Interesse der Arterhaltung aber ist nur ein Aspekt zum Erhalt des asilen Arabers. Denn so wie der Charakter der Pferde über viele Generationen durch die Beduinen geprägt worden ist, so prägen auch wir Menschen der Gegenwart die Pferde durch unser Verhalten und unseren Umgang mit ihnen. Ich bin weder Beduine noch reite ich mit meinen Arabern durch die Wüsten Arabiens. Und dennoch pflege ich den liebevoll-aufmerksamen Umgang mit den Pferden. Sie sind ebenfalls Teil meiner Familie auch wenn wir nicht mehr gemeinsam in einem Zelt schlafen. Wenn wir bereit dazu und geduldig sind, erleben wir Pferde, die unser innerstes Wesen, unsere Seele, berühren und entfalten. Pferde die uns Menschen damals wie heute auf unserem Lebensweg begleiten und zur Seite stehen. Solche Pferde, Seelenpferde, wie ich sie nenne, vermögen es, uns auf dem Weg zum Wesentlichen zu begleiten: der Weg zu uns selbst, zu Gott und zur Natur!

Annett Sbaghdi, staatl. gepr. Pferdewirtin, und Jürgen Flemnitz,
Nuthetal